Erfahrungsbericht einer Angehörigen, 64 Jahre

Erst nach seiner Armeezeit 1980 fiel mir auf, dass er täglich Bier und Schnaps trank. Ich spürte, dass etwas nicht stimmte. Mittlerweile hatten wir 2 kleine Kinder und ein Baby und ich machte mir Sorgen, wie er das mit dem Trinken weiterhin händeln würde. Ich sprach ihn darauf an und er wollte mir zu liebe 4 Wochen mit dem Trinken aufhören. Aber er schaffte keine 3 Tage. Es war klar, dass ein Problem bestand aber wir beide haben es unter den Teppich gekehrt. Die Zeit ging weiter und das Geld wurde immer knapper, denn der Alkoholverbrauch stieg. Trotz Geldmangels kaufte er weiterhin Alkohol und Zigaretten. „Ich gehe ja auch in Schichten im Tagebau arbeiten.“- war seine Rechtfertigung dafür so weiter zu machen wie er es tat. Und ich schaute zu, denn ich wusste nicht was ich tun konnte oder sollte. Meine christliche Erziehung und Einstellung sagten mir, dass ich bei ihm bleiben muss/soll und so lebte ich dahin. Die Wende kam und mein Mann trat eine höhere Position im öffentlichen Dienst an. Jetzt, dachte ich mir, wird alles besser. Jetzt kann er seine Ideale zum Guten mit einfließen lassen. Jetzt hat er die Anerkennung, die er braucht, um dem Alkohol den Rücken zu kehren. Aber es hatte sich alles um ein Vielfaches verschlimmert. Trotz besseren Gehalts war das Geld nun noch knapper. An allen Stellen mangelte es: Kleidung, Haushaltsgegenstände, Reparaturen, selbst den Frisör gönnte ich mir nur einmal im halben Jahr. Sehr oft hatte ich Schwierigkeiten ausreichend Lebensmittel für unsere drei Kinder zu kaufen, die inzwischen in die Pubertät kamen. Wir lebten überwiegend von dem was der Garten hervorbrachte. Neue Kleidung für meine Kinder gab es nur zu Weihnachten und zum Geburtstag, Ausflüge gab es keine und auch keine „Zwischendurchgeschenke“ - an sowas war gar nicht zu denken. Inzwischen war es in unserem Ort bekannt, dass mein Mann Alkoholiker war. Er konnte seiner Arbeit immer weniger nachgehen, da er zum Teil auch vormittags betrunken war. Und wie es in einer Kleinstadt nun mal ist, es wurde geredet. Zwei Jahre nach Antritt seiner Amtszeit unterschrieb er den Aufhebungsvertrag. Er war nicht mehr arbeitsfähig. Es fehlte jegliche Tagesstruktur und sein Trinken wurde exzessiv, was ihn schlussendlich zu einem Pflegefall werden ließ. Ich selbst war mittlerweile arbeitslos geworden und war auf der Suche nach Arbeit. Mein Mann war durch den massiven Alkoholkonsum zum Großteil auf mich angewiesen und meine Kinder waren in der Pubertät. Ich war am Ende. Erst jetzt traute ich mir Hilfe zu holen, denn meine Situation war so aussichtlos und miserabel, dass jedes Aufrechterhalten einer Fassade sinnlos geworden war. Unser

Pfarrerehepaar bot mir Hilfe an, ich konnte bei ihnen eine ABM-Stelle (Arbeits-Beschaffungs-Maßnahme) antreten. Wir lebten von Sozialhilfe und ich versuchte mein Möglichstes, um irgendwie klar zu kommen. In dieser Zeit waren mein Glaube und einige wenige Vertraute, das einzige was ich hatte. Ein Lichtblick zeigte sich 1992, als mein Mann eine Alkoholentwöhnung in einer Fachklinik antrat. Diese 3 Monate Pause von meinem Mann taten mir und unseren Kindern sehr gut. Ich hatte große Hoffnung, dass er jetzt „geheilt“ zurückkommt und dass er wieder der Mann sein kann, den ich 1971 kennengelernt hatte. Er sollte mein Ehemann und unseren Kindern ein Vater sein. Nur war dieser Entziehungs- bzw. Therapieversuch der Anfang einer gefühlt endlosen Reihe von Therapieversuchen. Nach seiner Entlassung hatte er vier Wochen durchhalten können und dann wieder zur Flasche gegriffen. Ich war enttäuscht und wütend. Alle Hoffnungen waren dahin.

Meine Kinder hatten sich schon seit längerem von ihrem Vater abgewandt und waren schon vor Langem in die Beschützerrolle mir gegenüber geschlüpft. In den nächsten Jahren verschlechterte sich sein Zustand so rapide, dass er oft mit Blaulicht ins Krankenhaus eingeliefert wurde. Bei einer Größe von 1,86m wog er nur noch 54kg, er war Haut und Kochen und trank dennoch. Manch Sanitäter kannte uns mittlerweile. Die mitfühlenden Blicke machten es mir nur noch schwerer und beschämten mich zum Teil. Trotz dieser Situation wollte ich mich nicht von ihm scheiden lassen. Zum einen, weil es klar war, dass es zweifellos den Tod für ihn bedeutet hätte und zum anderen hatte ich ihm vor dem Traualtar mein Ja-Wort gegeben – „...in guten wie auch in schlechten Zeiten,bis dass der Tod uns scheidet...“. Dieses Versprechen war für mich unumstößlich. Die Gebete und die Gemeinschaft mit anderen Christen gaben mir Kraft. Ich glaubte immer noch daran, dass Gott ein Wunder tun konnte. Knapp 6 Jahre später sollte dieses Wunder geschehen. Jedoch nicht so, wie ich es mir vorgestellt hatte – „Puff und alles ist gut.“ Mein Mann (stark alkoholisiert), meine Kinder (mittlerweile fast aus der Pubertät raus) und ich fuhren 1998 zu einem Gottesdienst wo alkoholkranke Leute aus ihrem Leben berichteten. Als der Redner anfing zu erzählen, war mein Mann urplötzlich hellwach und nüchtern, denn dieser Mann da vorne erzählte das Leben meines Mannes. Was natürlich nicht so war, doch gab es so viele Parallelen, und dieser Mann hatte das Unmögliche geschafft: er war Trocken! In diesem Gottesdienst fasste mein Mann zum letzten Mal den Entschluss eine Entziehung anzutreten. Für mich war es mal wieder ein Versuch von schon so vielen Versuchen. Doch diesmal war etwas anders. Er kümmerte sich selbst um die Anmeldung zu einer Entgiftung und stellte einen Antrag für eine Langzeittherapie. Auf Grund seiner Invalidenrente war nicht klar, ob er überhaupt zu einer Therapie zugelassen wurde, da kein Leistungsträger vorhanden war, um diese Therapie zu bezahlen. Dennoch wollte er es probieren und ich unterstützte ihn da wo ich konnte und er es zuließ. Am Tag seiner Einlieferung in die Entgiftungsklinik war uns beiden klar, dies wird der letzte Versuch sein, wenn er die Entgiftung überhaupt übersteht. Nach der Entgiftung musste er noch knappe 5 Monate warten, bis er zur Langzeittherapie durfte. Diese Zeit des Wartens war nicht nur für meinen Mann die Hölle, sondern auch für mich. Ich hatte mir wieder Hoffnung gemacht hatte aber jeden Tag nur darauf gewartet, dass er rückfällig wird. Er hatte so oft versprochen nicht wieder anzufangen und dieses Versprechen immer wieder gebrochen. Jede Gereiztheit oder kleinste Veränderung in seinem Verhalten ließ mich darauf schließen, dass er wieder angefangen hatte zu trinken. Denn so lief es nach jeder Entgiftung. Ich überwachte, kontrollierte und erfragte alles. Die Spannung war extrem.Entweder es herrschte eisiges Schweigen oder Geschrei. Es ist für mich immer noch ein Wunder, dass er in dieser Zeit keinen einzigen Tropfen getrunken hat. Nachdem er die 12-wöchige stationäre Therapie durchgezogen hatte, schloss er sich einer Selbsthilfegruppe an, um weiterhin trocken zu bleiben. Es war das erste Mal, dass er sich aktiv darum bemühte, trocken bleiben zu wollen. Seitdem sind nun fast 20 Jahre vergangen und er hat keinen Tropfen angerührt. Nun könnte man meinen, alles ist gut. Es war und bleibt ein sehr steiniger Weg. Sehr vieles hat sich zum Guten verändert und vieles liegt noch brach. Wir beide haben professionelle therapeutische Hilfe in Anspruch genommen und arbeiten an uns – mal mehr mal weniger ;). Unsere Kinder gaben und geben uns viel Kraft. Ich bin glücklich ihn zu haben, denn er ist mein Ehemann. Ich hatte mich damals für ihn entschieden und liebe ihn immer noch. Ich bin stolz auf ihn, dass er sich jeden Tag neu dem Kampf stellt – denn die Alkoholsucht hat man nie überwunden. Ich danke Gott jeden Tag, dass er in allem bei uns ist und unser Innerstes kennt und versteht. Gott ist es, der uns beiden die Kraft und die Freude gibt, unerledigte Dinge anzupacken und danke zu sagen für das, was gut ist.

Eine Angehörige, 64 Jahre, Frühjahr 2016

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